Von der Ernte bis zur Lieferung
Bordeaux En Primeur mag im Frühjahr nur wenige intensive Wochen dauern, doch in Wirklichkeit beginnt der Zyklus lange bevor der Handel in die Region strömt und setzt sich weit nach den endgültigen Veröffentlichungen fort.
Das Verständnis des vollständigen Zeitplans schafft Klarheit bei der Preisgestaltung, der Qualitätsbewertung und den Cashflow-Erwartungen.
September bis Oktober: Ernte
Alles beginnt im Weinberg.
Der Zeitpunkt der Ernte wird durch die phenolische Reife, das Säuregleichgewicht und die Tanninreife bestimmt. In Pauillac wird Cabernet Sauvignon möglicherweise später geerntet, um eine vollständige strukturelle Entwicklung zu erreichen. In Saint Emilion wird Merlot auf lehmreichen Böden oft früher geerntet.
Das Wetter in dieser Zeit prägt den Jahrgang. Ein kühler September bewahrt die Säure und aromatische Präzision. Ein warmer, trockener Abschluss kann die Frucht konzentrieren und die Tanninstruktur vertiefen.
Der Charakter des Jahrgangs wird hier weitgehend festgelegt.
Oktober bis März: Gärung und frühe Reifung
Nach der Gärung werden die Weine in Fässer umgefüllt. Die Entscheidungen zur Assemblage sind noch nicht endgültig.
Im Winter und frühen Frühling beginnt der élevage, die Textur zu formen. Die Integration des Holzes, der Hefekontakt und die Mikrooxidation verfeinern die Tannine und stabilisieren die Farbe.
Im Spätwinter beginnen die Weine, strukturelle Formen anzunehmen. In diesem Stadium werden die Fassmuster für die En Primeur-Verkostungen vorbereitet.
April: Fachverkostungen in Bordeaux
Dies ist der sichtbarste Teil des Prozesses.
Händler, Kritiker und Négociants reisen nach Bordeaux, um Weine aus verschiedenen Appellationen zu verkosten. Die Weine werden aus dem Fass beurteilt, manchmal aus einzelnen Partien, manchmal als Vor-Assemblage.
In diesem Stadium:
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Tanninkorn
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Säuregleichgewicht
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Aromatische Präzision
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Länge und strukturelle Integrität
werden sorgfältig analysiert.
Es geht nicht um Glanz. Es geht um Architektur.
Ein strukturierter Cabernet von Kiesböden in Saint Julien wird sich ganz anders präsentieren als ein kalksteinbetonter Saint Emilion. Das Terroir ist zu diesem Zeitpunkt transparent.
Mai bis Juni: Freigabekampagne
Nach Verkostungen und Kritikerbewertungen beginnen die Châteaux, Weine in Tranchen freizugeben.
Die Kampagne dauert in der Regel sechs bis acht Wochen.
Die Reihenfolge der Veröffentlichung folgt oft dem Markteinfluss. Führende Güter des linken Ufers geben häufig den Ton an, gefolgt von den Anwesen des rechten Ufers.
Die Preisgestaltung spiegelt wider:
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Jahrgangsqualität
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Positionierung gegenüber älteren Jahrgängen
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Marktnachfrage
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Währungsbedingungen
Für eine vollständige Aufschlüsselung siehe unseren detaillierten Leitfaden zur Bordeaux En Primeur Preisgestaltung.
Sommer bis Folgejahr: Fortgesetzter Élevage
Nach Abschluss der Kampagne verbleiben die Weine zur weiteren Reifung im Fass.
Die endgültigen Assemblagen werden bestätigt. Der Holzeinfluss integriert sich. Tannine setzen sich ab. Die Weine gewinnen an Kohäsion und Tiefe.
Diese Periode wird oft übersehen, ist aber entscheidend. Das im April erkennbare architektonische Gerüst wird langsam harmonischer.
Zwei Jahre später: Abfüllung und Lieferung
Etwa 18 bis 24 Monate nach der ersten Kampagne werden die Weine im Château abgefüllt.
Von dort werden sie in Zolllager versandt oder an Sammler geliefert.
Zu diesem Zeitpunkt:
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Die Herkunft bleibt makellos
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Die Lagerbedingungen sind kontrolliert
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Die lange Reifereise beginnt
Das Verständnis dieses vollständigen Zyklus ermöglicht es Käufern, En Primeur mit Geduld und Weitblick anzugehen.
